„Alle haben Angst, den falschen Schritt zu machen“

26. Oktober 2020

Kaum eine Bran­che ist von der Coro­na-Pan­de­mie so hart betrof­fen wie die Cir­cus­se. Wenn auch in der nächs­ten Sai­son kei­ne Ein­nah­men mög­lich sind, ste­hen vie­le vor dem Aus. Die Cir­cus- und Schau­stel­ler­seel­sor­ge bit­tet um Unter­stüt­zung. Ein Besuch beim Cir­cus Ronel­li in Stolberg.

Alles wirkt so beschau­lich auf dem Platz am Stadt­rand von Stol­berg in der Städ­te­re­gi­on Aachen: Ein blau-gel­bes Cir­cus­zelt ist auf­ge­baut, die Wohn­wa­gen leuch­ten in der Son­ne, auf der Wei­de gegen­über gra­sen fried­lich ein paar Pfer­de. Aber was man sieht, ist kei­ne Idyl­le. Zwei Cir­cus­se und ein Pup­pen­thea­ter sit­zen hier fest, seit Mit­te März hat­ten sie kei­ne Vor­füh­run­gen mehr – ein Zeit­punkt im Jahr, ab dem die Sai­son eigent­lich erst so rich­tig Fahrt auf­nimmt. Die Bran­che gilt  „als eine der am schwers­ten von den Aus­wir­kun­gen der Coro­na-Pan­de­mie betrof­fe­nen“, heißt es in einem gera­de ver­öf­fent­lich­ten Hil­fe­ruf der „Gemein­de auf der Rei­se“, die schon seit Jahr­zehn­ten von der Cir­cus- und Schau­stel­ler­seel­sor­ge (CSS) der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) beglei­tet wird.

Fami­li­en­un­ter­neh­men erst vor drei Jah­ren gegründet

Mai­ke Trumpf sitzt in der Son­ne vor ihrem gro­ßen Wohn­wa­gen, den ihr Mann Fer­nan­do gebaut hat. „Cir­cus Ronel­li“ ist dar­auf in gold­um­ran­de­ten roten Let­tern zu lesen. Das Fami­li­en­un­ter­neh­men ist erst vor drei Jah­ren als Aus­glie­de­rung aus dem Cir­cus Trumpf gegrün­det wor­den, „das Zelt ist noch nicht abbe­zahlt“, sagt die 32-Jährige.

Cir­cus Ronel­li, das sind sie, ihr Mann, ihre Töch­ter Meli­na (11) und Sky­la (8) sowie die Zwil­lin­ge Neveo und Ney­phan (5). Die Fami­lie bestrei­tet das kom­plet­te Pro­gramm allei­ne, sorgt für Auf- und Abbau und küm­mert sich um die zwei Ponys, drei Zie­gen, den Pudel und den Chi­hua­hua. Wenn der Cir­cus umzieht, müs­sen bei­de Eltern jeweils drei­mal zwi­schen altem und neu­em Stand­ort hin- und herfahren.

Im ver­gan­ge­nen Jahr, erzählt Mai­ke Trumpf, ist es dem jun­gen Cir­cus gelun­gen, zwi­schen Anfang März und Ende Novem­ber jede Woche auf einem neu­en Platz zu ste­hen. „Wir konn­ten im Som­mer so viel Geld ein­spie­len, dass wir zum ers­ten Mal im Win­ter ohne Amt aus­ge­kom­men sind.“

Doch als der Sai­son­start in die­sem Jahr coro­nabe­dingt im Keim erstickt wur­de, waren die Reser­ven auf­ge­braucht. Raten­zah­lun­gen, Ver­si­che­run­gen, das Fut­ter für die Tie­re – auch die Sofort­hil­fe kann den Betrieb nicht über das Jahr brin­gen. Jetzt ist die jun­ge Fami­lie doch auf Arbeits­lo­sen­geld II ange­wie­sen, obwohl sich das mit ihrem Unab­hän­gig­keits­be­dürf­nis nur schwer verträgt.

Wo Auf­füh­run­gen ver­sucht wer­den, bleibt das Publi­kum aus

Man­che Cir­cus­se haben es inzwi­schen pro­biert, mit weni­ger Publi­kum und Sicher­heits­maß­nah­men doch wie­der auf Tour zu gehen. Auch beim Cir­cus Ronel­li hat man gerech­net. 350 Besu­che­rin­nen und Besu­cher pas­sen nor­ma­ler­wei­se in das Zelt, „80 bis 90 könn­ten wir bei vier Per­so­nen pro Fami­lie und den nöti­gen Abstän­den unter­be­kom­men“, sagt Trumpf. „Aber die, die es ver­sucht haben, hat­ten kaum Besuch. Die Leu­te trau­en sich noch nicht.“

Und wenn ein Coro­na­fall im Publi­kum bekannt wird, bedeu­tet das 14-tägi­ge Qua­ran­tä­ne für den gan­zen Betrieb. „Wer ver­sorgt dann mei­ne Fami­lie mit Essen?“ Nein, trotz schlaf­lo­ser Näch­te, das Risi­ko ist der jun­gen Mut­ter der­zeit zu groß. Aus Gesprä­chen mit ande­ren Cir­cus­sen weiß sie: „Alle haben Angst, den fal­schen Schritt zu machen.“

Noch hofft der Cir­cus auf das Weih­nachts­ge­schäft. „Aber wenn wir Anfang nächs­ten Jah­res nicht raus­kön­nen, braucht man kei­nen Zir­kus mehr machen“, blickt Trumpf vor­aus. Sie selbst ist eine „Pri­va­te“, wie die Cir­cus­spra­che die­je­ni­gen nennt, die nicht in der Welt der Rei­sen­den gebo­ren wur­den. Die 32-Jäh­ri­ge ist gelern­te Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­rin und hat vor 13 Jah­ren in die Cir­cus­fa­mi­lie Trumpf eingeheiratet.

Manch­mal, in dunk­len Stun­den, über­legt sie schon, ob sie wohl noch mal eine Chan­ce hät­te in ihrem alten Beruf. „Und mein Mann kann gut bau­en.“ Aber für die Fami­lie und spe­zi­ell für die Kin­der wäre ein sol­cher Abschied vom Cir­cus­le­ben eine Kata­stro­phe. „Sie wach­sen hier viel frei­er auf, ohne Stress und Ter­mi­ne, und sind den gan­zen Tag draußen.“

Schu­le für Cir­cus­kin­der bie­tet fes­te Bezugspersonen

Cor­du­la Wit­te kennt die Sor­gen der Fami­lie. Die Leh­re­rin der Schu­le für Cir­cus­kin­der der Evan­ge­li­schen Schu­le im Rhein­land hat ihr zum Klas­sen­zim­mer umge­bau­tes Wohn­mo­bil an die­sem Mor­gen vor dem wei­ßen Zir­kus­zaun geparkt. Seit einem Jahr unter­rich­tet sie die vier Kin­der des Cir­cus Ronel­li. Zwei­mal pro Woche ist die 47-Jäh­ri­ge vor Ort, ver­sorgt die Kin­der ihrem Alter ent­spre­chend mit Lern­pa­ke­ten und mel­det sie zu Online­kur­sen an.

Eine fes­te Bezugs­per­son ist für den Lern­er­folg der rei­sen­den Kin­der ent­schei­dend. Dafür neh­men die Leh­re­rin­nen und Leh­rer zum Teil sehr wei­te Fahr­ten in Kauf. Der Lohn dafür: „Man bekommt viel mehr Ein­blick in das Fami­li­en­le­ben und es gibt zwi­schen Schu­le und Fami­li­en eine viel stär­ke­re Erzie­hungs­part­ner­schaft“, sagt Witte.

„Die Kin­der belas­tet es, dass sie ihr gewohn­tes Leben nicht mehr haben“, schil­dert die Leh­re­rin ihre Ein­drü­cke seit Mit­te März. „Ihnen fehlt das Rei­sen, ihnen feh­len die Auf­füh­run­gen.“ Weil Leben und Arbei­ten beim Cir­cus so eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sei­en, fie­len die Coro­na-Fol­gen hier beson­ders schlimm aus. „Die Not der Fami­li­en stimmt uns alle sehr trau­rig“, sagt auch Schul­lei­te­rin Eva Röthig. „Wir hof­fen ein­fach, dass sie in irgend­ei­ner Form über­le­ben können.“

Spen­den aus der Bevöl­ke­rung, Über­brü­ckungs­jobs als Lkw-Fah­rer oder im Call­cen­ter – ver­sucht wird alles, um sich über Was­ser zu hal­ten. Auch der Zusam­men­halt zwi­schen den Fami­li­en ist hilf­reich. Aber ohne wei­te­re Unter­stüt­zung wird es schwie­rig. Der Hil­fe­ruf der Cir­cus- und Schau­stel­ler­seel­sor­ge appel­liert: „Bit­te neh­men Sie sich, wo auch immer Sie vor Ort Ver­ant­wor­tung tra­gen, der Not der Rei­sen­den an! Erfin­de­risch sein, aktiv nach Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten suchen – wir bit­ten Sie alle um Ihr Engagement!“

Die Kin­der ver­mis­sen das Reisen

Meli­na und ihre Schwes­ter Sky­la blin­zeln in die Son­ne und bli­cken über den Platz, auf dem seit Mona­ten 17 Men­schen fest­sit­zen und nicht mehr rei­sen kön­nen. Immer wie­der trai­nie­ren die bei­den Kin­der, damit sie ihre Akrobatik‑, Hula-Hoop- und Netz­num­mern trotz feh­len­der Auf­füh­run­gen nicht ver­ler­nen. „Wir sind lie­ber unter­wegs und an ver­schie­de­nen Orten“, sagt Meli­na. Fast ein hal­bes Jahr an einer Stel­le, auch für ihre jün­ge­re Schwes­ter ist das schlicht „lang­wei­lig“.